Stadionwurst on tour – Junior, tú papá!
Nach einiger Zeit Abstinenz kehrt die Stadionwurst zurück, und sie hat einiges erlebt. Sie war nämlich mal wieder auf Tour, und dieses Mal so weit weg vom Betzenberg wie noch nie. In einem Land vor unserer Zeit, im Norden Südamerikas – in Kolumbien. Böse Zungen behaupten, die Kolumbianer können Kaffee, Kokain und Silikonbrüste, doch das wäre unfair. Fußball können sie nämlich auch noch. Zumindest ein bisschen. Ein Erfahrungsbericht vom Treffen mit dem kolumbianischen Vizemeister, von gestohlenen Gürteln und Gringos in der Karibik.
Am Tag vor meiner Abreise aus Kolumbien stand eines der Highlights auf dem Programm: Im Estadio Metropolitano duellierten sich Atlético Junior Barranquilla und Deportivo Pereira. Zur Einordnung: Junior ist der amtierende Vizemeister Kolumbiens und verpasste erst im letzten Saisonspiel die Qualifikation für die Copa Libertadores. Damit gehören “die Haie”, so der Spitzname aufgrund des drolligen Maskottchens, zur gehoben Klasse der Fußballteams im Norden Südamerikas. In Barranquilla, im Übrigen viertgrößte Stadt des Landes und Heimat der nicht ganz unbekannten Sängerin Skakira, herrscht eine ähnliche Fußballerverücktheit wie in Kaiserslautern. Staatsreligion ist zwar wie in ganz Lateinamerika römisch-katholisch, viele Barranquilleros gehen dem Papst allerdings fremd und beten den besten Fußballclub der Stadt an. Entsprechend auch der Schlachtruf der Fans: “Junior tú papá!” was soviel bedeutet wie “Junior ist dein Vater”. Zwar gibt es in der Karibikstadt auch noch einen anderen hochklassigen Verein, der in der zweiten Division kickt, doch dieser fristet ein sehr bescheidenes (Fan)Dasein. Wer etwas auf sich hält, ist natürlich Junior-Anhänger.
So natürlich auch ich, der dem FCK-Trikot am Tag des Spiels fremdgeht, die Farben allerdings bleiben in der Fußballfamilie – Rot-Weiß muss es sein. Die Gäste aus Pereira, einer mittelgroßen Stadt in der Nähe der Hauptstadt Bogotá, treten in hässlichem Eintracht-Braunschweig-Look an und erinnern daher stark an Kanarienvögel. Und das in der Karibik, verrückt. Ähnlich wie bei Topduellen in der Fußball-Pfalz, erinnert sei an das Kartendesaster gegen Rot-Weiß Essen vor drei Jahren, werden Eintrittstickets in Kolumbien natürlich erst kurz vor knapp erstanden. Genauer gesagt auf dem Parkplatz vor dem Stadion, das einstmals 60.000 Zuschauern Platz bot, heute aber nur noch 35.000 Leute fasst. Gekauft wird bei mehr oder weniger vertrauenswürdigen Kartenverkäufern, die sich auf die neuangekommenen Gringos stürzen und ihre Tickets feilbieten. In einer entsprechend günstigen Verhandlungsposition befindet sich natürlich der potenzielle Zuschauer. Hinzugefügt sei: Im Gegensatz zu vielen anderen lebenswichtigen Produkten (Rum, Bier, Kokain) ist der Besuch eines Fußballerstligaspiels in Kolumbien alles andere als spottbillig. Nach zähem Handeln zahlen wir etwa acht Euro pro Ticket auf der zweitbesten Tribüne. Preise, die sich die Einwohner Barranquillas nicht immer ohne weiteres leisten können.
Vor dem Einlass ins Stadion werden wir mehrfach kontrolliert, gefühlte achtmal auf Waffen. Der Fotoapparat geht ohne weiteres durch, den Gürtel allerdings muss ich ausziehen – zu gefährlich, ich könnte jemanden damit erdrosseln. Ohne groß Nachzudenken übergebe ich meinen Gürtel dem kontrollierenden Polizisten, der ihn verspricht, in einem entsprechenden Raum zu deponieren. In der Retrospektive war das doof von mir, denn in Kolumbien ist jeder ein potenzieller Kleinkrimineller, auch die Polizei. Natürlich war der Gürtel nach der Partie weg, danke. Die Polizei, dein Freund und Räuber.
Das sollte mir die Laune aber nur kurze Zeit vermiesen, denn das Spiel zog einen wirklich in den Bann. Besser gesagt das Drumherum auf den Holzbänken, die so nur noch auf dem Bieberer Berg in Offenbach zu bewundern sind. Dafür war das Flutlicht im einiges besser als in Ost-Frankfurt. Interessanter sind auch die Stadionverkäufer: Um ein kühles Blondes zu bekommen, muss man nicht mal aufstehen – man ordert es einfach am besten im Zehnerpack bei einem der herumlaufenden Verkäufer. Das ist allerdings auch das einzig vernünftige, was im Estadio Metrpolitano auf der “tribuna occidental General Cortesia” verkauft wird. Ansonsten gibt’s die berühmt-berüchtigten kolumbianischen Snacks, die nicht schmecken. Und auch die Stadionwurst, um die es hier ja eigentlich geht, hab ich mir aus gesundheitstechnischen Gründen gespart. Lustig sieht sie aber dennoch aus: Eine lange Wurstkette aus kleinen, dicken Würstchen mit Limone und etwas, das den Namen “Brot” nicht verdient. Ein Verkäufer kommt auf einmal ganz aufgeregt auf uns zu und zeigt uns 50 Meter entfernt drei andere Gringos, also Ausländer, die in Barranquilla Mangelware sind. Wir tippen auf Franzosen und belassen es bei dem Augenkontakt. Man fällt eben auf als Europäer in der touristenungewohnten Stadt.
Das Spiel im Übrigens plätschert so dahin. Nach dem schnellen 1:0 für Junior steigt die Hoffnung auf ein Schützenfest, allerdings verwalten die Gastgeber das Ergebnis nur und kassieren so vollkommen verdient in der Schlussminute den Ausgleich. Der reißt auch die Fans aus der Lethargie. Im spärlich gefüllten Stadion macht nun nicht mehr nur die eine Hardcore-Kurve Stimmung, sondern auch unsere Sitznachbarn. Gebracht hat es am Ende nichts mehr. Mit dem Unentschieden rutscht Junior ins Tabellenmittelfeld ab. Der ehemalige Club des brasilianischen Zauberers Garrincha und von Kolumbiens Idol Carlos “El Pibe” Valderrama, der ganz aus der Nähe stammt, wird diese Saison wohl nicht mehr oben mitspielen. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig weniger Zuschauer, denn die interessieren sich sowieso nur wenig für den Tabellenstand, dafür mehr für den Gegner. Dann kommen vielleicht auch wieder mehr Gringos und die Polizisten können wieder Ledergürtel sammeln. Schließlich steht ja Weihnachten vor der Tür…
Stadionwurst | Fabe | Trackback
Mehr dazu:
Tolle Stadionwurst
Na da Lob ich mir doch die Westkurve…
Nicht schlecht geschrieben nur die Wörter “Koksanien” und “Kokainien” finde ich etwas fehl am Platz.
Auch “gringos” – Du musst noch viel lernen.
saludos desde Medellin
Hey Pablito, natürlich hast du Recht. Ein bisschen mehr Sensibilität ist bei diesem Thema geboten. Hab das geändert. Was stört dich an den Gringos?
An der Bezeichnung GRINGO stört mich, das die Kolumbianer damit ausschließlich die US Amerikaner meinen.
Die Europäer werden nicht als Gringos bezeichnet. Kann passieren, klärst Du das auf wirst Du sofort ein freundlicheres Gesicht sehen. Das mit dem Gürtel war zu erwarten *lach*. Nix für ungut der Bericht ist toll geschrieben.
Wenn Du willst kannst Du Dir ja mal das Kolumbienforum anschauen, da würde Dein Bericht sich gut unter Reiseberichte machen.
Schau mal vorbei: http://www.kolumbienforum.net
Carlos desde Medellin/Colombia (Ich antworte mal für pablito, mit seiner Erlaubnis)
Nacional es tú papá
Die Wurst soll lieber froh sein, daß sie nicht gekidnappt und – wie jüngst eine ganze Fußballmannschaft – auf einer Urwaldlichtung erschossen bzw. in ein Dschungelcamp entführt und jahrelang ohne Lösegeldforderung festgehalten – wie seit Jahren immer wieder – und anschließend verspeist worden ist. Pablo Escobar läßt grüßen.
sau geil!
wan_lee_sun freut sich